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Waldemar Sperling – Frankenwinheim (Unterfranken)

Auszeichnung: 1999 – Volkach

Laudatio

In dem berühmten spätmittelalterlichen Rechtsbuch, das die Stadt Volkach als kostbaren Schatz bewahrt, gibt es auch ein Bild von einer Sitzung des Stadtrates. Ein Dutzend Herren sitzen um einen Tisch und beraten mit dem Bürgermeister. Es ist kaum zu glauben, dass nach rund einem halben Jahrtausend einer von ihnen offensichtlich wieder auferstanden ist. Denn wir begegnen ihm immer wieder einmal mit Mantel, vornehmer Halskrause, Schnallenschuhen und spitzem Hut, merkwürdigerweise aber nur dort, wo es lustig zugeht, wo sich Menschen zu heiterem Umtrunk zusammenfinden oder neugierig die Stadt Volkach durchstreifen. Aber auch in Berlin wurde er schon gesehen, im Trubel der Völker verbindenden Touristikmesse, doch nicht nur dort, auch in anderen Fremdenverkehrsorten, wo immer es darum geht, die Stadt Volkach und mit ihr das ganze Mainfranken zu vertreten. Dabei meldet sich Herr Sperling bei Fremdenverkehrstagungen grundsätzlich zu Wort, spricht dann aber – weil er eben viel zu sagen hat – oft sehr schnell und wundert sich dann, dass die Leute ihn nicht verstehen. Wenn er es dann merkt, sagt er meist augenzwinkernd: »Gell, mir Franken sind die einzigen in Deutschland, die richtig deutsch sprechen«.

Dieser wiedererstandene Volkacher Ratsherr ist aber mehr als nur eine Symbol- oder Kultfigur, er ist ein echter Sohn des Frankenlandes. Als Waldemar Sperling wurde er in Frankenwinheim geboren. Dass er einmal Ratsherr werden würde, hat er sich wohl selbst nicht träumen lassen. Wenn er von etwas träumte, dann vielleicht vom Posten eines Präsidenten des FC Bayern München. Aber glücklicherweise ließ ihn seine unterfränkische Heimat nicht los. Hier besuchte er die Schulen, hier absolvierte er eine kaufmännische Lehre, hier trat er schließlich in Würzburg bei der Bezirksfinanzdirektion in den Verwaltungsdienst. Für kurze Zeit schien es, als ginge er Unterfranken verloren und würde Beamter in Mittelfranken. Aber sehr rasch besann er sich eines Besseren und kehrte nach Hause zurück.

Es war in doppelter Hinsicht ein richtiger Entschluss. Nie hätte er sonst als Präsident den Fußballverein Frankenwinheim zum »erfolgreichsten Fußballverein Deutschlands « führen können, wie er selbst in aller Bescheidenheit sagt. Und nie wäre er Unterfrankens bekanntester Ratsherr geworden. Denn an seinem neuen Wirkungsort Volkach begann das Doppelleben des Waldemar Sperling. Der tüchtige Verwaltungsbeamte verwandelte sich nämlich immer häufiger in den Volkacher Ratsherrn und schlüpfte sogar in dessen alte Tracht.

Was dabei anfangs nur als origineller Einfall zur Förderung des Fremdenverkehrs gedacht war, gewann ein typisch fränkisches Eigenleben. Das Wendige, gekennzeichnet durch ausgesprochene Kontaktfreudigkeit, gewandten Umgang mit einem Publikum aus allen Teilen Deutschlands, ja der ganzen Welt, gekennzeichnet durch fundiertes Wissen als Weinkenner und – nicht zu vergessen – durch eine tüchtige Portion Idealismus und Einsatzbereitschaft, ließen ihn bald zu einer Institution werden und eine Popularität erlangen, um die ihn mancher echte Ratsherr und Politiker nur beneiden kann. Gelassen lenkt er die Schar seiner Mitarbeiter, weiß auch zu organisieren, was bei der wachsenden Zahl der Gäste, der Weinseminare, Feste und sonstigen Veranstaltungen sehr wichtig ist. Sein Charakterbild wäre unvollständig, wollten wir das Witzige, seinen Humor unerwähnt lassen und jene Portion Schlitzohrigkeit, die einen Unterfranken oft auszeichnet und die auch echten Ratsherren manchmal gut ansteht.

Und das scheinbar Widersprüchliche zu aller Weltoffenheit ist seine Liebe zur Heimat. Waldemar Sperling konnte nur in die Rolle des Volkacher Ratsherrn schlüpfen und sie ausfüllen, weil er mit dem Herzen dabei ist. Er hat Freude an ihr und deshalb gibt er diese auch weiter. So wurde er nicht nur zur Symbolfigur einer Weinlage, sondern zum Repräsentanten der Weinstadt Volkach und des ganzen gastfreundlichen Mainfranken.

Und so kam es, dass aus einem Sperling ein Lockvogel für das ganze Mainfranken wurde. Ich bin sicher, dass er mit seinen Sprüchen bei der Eröffnung des Volkacher Weinfestes wie »Das größte fränkische Weinfest der Welt auf Deutschlands größtem und schönstem Festgelände« oder zum anschließenden Feuerwerk »The greatest Councillor-Fireworks of the World« noch viele Freunde unseres Frankenweins zum Schmunzeln bringen wird. Unser Sperling ist ein »Buntgewürfelter«!

Dr. FRANZ VOGT
Regierungspräsident von Unterfranken